Beitrag der Forschungsgruppe in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (2021)

Zeitschrift für Erziehungswissenschaft
Zeitschrift für Erziehungswissenschaft

Computerlinguistische Verfahren zur Vermessung wissenschaftsdisziplinärer Kommunikation

Jahn, R. W., Goldenstein, J. & Götzl, M. (2021). Computerlinguistische Verfahren zur Vermessung wissenschaftsdisziplinärer Kommunikation. Eine exemplarische Studie über die Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 24 (5), 1253–1278 (Link: https://doi.org/10.1007/s11618-021-01039-y).

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Zusammenfassung

Wissenschaftliche Disziplinen als Kommunikations- und Diskursgemeinschaften spezieller Fachleute befassen sich nicht allein mit ihren Gegenständen sowie der eigenen Methodologie und Methodik, sondern auch mit sich selbst und der Entwicklung ihrer paradigmatischen Grundlagen. Dies hat auch in den Erziehungswissenschaften eine breite Tradition. Zur Analyse paradigmatischer Entwicklungen der Ideen- und Sozialgestalt einer Disziplin eignet sich insbesondere die Untersuchung der disziplinären Kommunikation. Interessant ist in diesem Zusammenhang vor allem die formelle (schriftliche) Kommunikation, die in disziplinären Fachzeitschriften erfolgt.

Qualitative Analysen sind jedoch sehr aufwändig, insb. wenn größere Datenmengen und Zeiträume analysiert werden sollen. Zudem besteht das Problem, dass eine deduktive, thematische Analyse disziplinäre Kartierungsansätze braucht, die relativ trennscharf die disziplinären Gegenstände operationalisieren. Demgegenüber erlauben quantitativ orientierte computerlinguistische Analysen einen induktiven Zugriff auf die in Zeitschriften publizierten Themen sowie die Verarbeitung großer Datenmengen. In diesem Beitrag wird ein computerlinguistisches topic-modeling-Verfahren vorgestellt und angewandt, dass die Themen einer gesamten Zeitschrift induktiv extrahiert und jeden ihrer einzelnen Beiträge quantitativ thematisch gewichtet.

Dies erfolgt am Beispiel der Berufs- und Wirtschaftspädagogik als eine erziehungswissenschaftliche Teildisziplin und der „Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online“ als einer ihrer zentralen Fachzeitschriften. Diese hat zwei wesentliche Vorteile als Anwendungsbeispiel. Erstens liegt sie bereits in digitalisierter Form vor. Zweitens eignet sie sich zur Validierung des Verfahrens und der identifizierten Themen, da ihre einzelnen Ausgaben bereits themenbezogen sind.

Es kann gezeigt werden, dass die untersuchte Zeitschrift zentrale Forschungsgegenstände der Disziplin abbildet. Das Verfahren eignet sich zudem auch, um methodische und methodologische Topics in den Beiträgen zu identifizieren. Es lässt darüber hinaus eine Verbindung zwischen der kognitiv-inhaltlichen und sozialen Dimension paradigmatischer Entwicklungen zu, da Ähnlichkeiten und Unterschiede in der thematischen Kommunikation zwischen Personen und Organisationen ermittelt werden können. So können z. B. sechs Gruppen von Universitätsstandorten identifiziert werden, die inhaltlich an ähnlichen Themen arbeiten.

Beiträge im Sammelband „Historische Berufsbildungsforschung“ (2020)

Historische Berufsbildungsforschung

Historische Berufsbildungsforschung. Perspektiven auf Wissenschaftsgenese und -dynamik

von Kaiser, Franz & Götzl, Mathias (Hrsg.)

ISBN: 978-3-948719-06-7
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Klappentext:

Jeder Wissenschaftsdisziplin hilft ein Bewusstsein ihrer Geschichte und die Kenntnis ihrer Vielfalt, Paradigmen und Entwicklungsmöglichkeiten. Darauf basierend können Forschende ihr spezifisches Potential, Wissen und Handlungsrepertoire entfalten. Dabei ist Geschichtsschreibung und historische Berufsbildungsforschung immer zugleich selbst gefangen in ihrer je eigenen Zeit, beschränkt durch die Perspektiven der Personen, die sich an dem Rückblick beteiligen. Das macht Geschichte auch immer zur Geschichte der Herrschenden, die eine spezifische Perspektive und die mit ihr verbundene Forschung schreibend tradieren. Deshalb ist Vielfalt für die historische Berufsbildungsforschung so wertvoll, weil sie sich gegen verengte, eindimensionale Retrospektive stellt, gewissermaßen in die Ritzen und Fugen der Zeit schauen lässt.

Basierend auf einer Tagung der Herausgeber im September 2019 zu „Retrospektiven, Perspektiven & Synergien einer Historischen Berufsbildungs- und Wissenschaftsforschung“ an der Universität Rostock, entfaltet sich die Bandbreite der historischen Berufsbildungsforschung. Der Band vereint paradigmatische, mal stärker biografischen Zugänge sowie systemisch-gesellschaftspolitische und schließlich Analysen zur Genese der Wissenschaftsdisziplin. In den Beiträgen wird dem Einfluss von Einzelpersönlichkeiten und Forschungsparadigmen ebenso wie dem von Bildungssystemen am Beispiel der DDR, Skandinaviens und der bundesdeutschen Bildungspolitik nachgegangen. Vereint sind sowohl Beiträge zur Entstehung der Berufs- und Wirtschaftspädagogik, zur Rekonstruktion der Benachteiligtenförderung, Soziökonomie, Pflegedidaktik und Frauenforschung als auch Analysen berufsspezifischer Betrachtungen am Beispiel des Druckgewerbes, der Offiziere und der Ausbilder*innen.

Die Rostocker Berufspädagogik möchte neugierig machen auf forschende Entdeckung der Geschichten in der Geschichte eines politisch-pädagogischen Gestaltungsfeldes zwischen Wirtschafts- und Bildungssystem.

Einführungen in die Berufs- und Wirtschaftspädagogik

Eine Analyse der Entstehung von Lehrbüchern im Kontext der Institutionalisierung der Disziplin.

 

Abstract

Die erziehungswissenschaftliche (Teil-)Disziplin Berufs- und Wirtschaftspädagogik kann nach Luhmann (2015, S. 282 ff., 446 ff., 587 f.) und Stichweh (2013a, S. 55 f.; 2013b, S. 17 f.) als Kommunikations- und „Diskursgemeinschaft“ (Austermann 2015, S. 33) von Spezialist(inn)en verstanden werden. Damit ebenjene Kommunikation und ebenjener Diskurs stetig fortgesetzt werden können, besteht die wichtigste Aufgabe einer Disziplin darin, eine stabile Selbstrekrutierung des eigenen wissenschaftlichen Nachwuchses sicherzustellen (Stichweh 2013a, S. 55 f., 2013b, S. 17 & Luhmann 2015, S. 282 f.).

Eine wissenschaftliche Disziplin kann dies nach Clark (1972, S. 662 ff.) über die Etablierung grundständischer und fortgeschrittener Ausbildungsprogramme bewerkstelligen (Clark 1972, S. 662 ff.; Krohn & Küppers 1989, S. 96 ff. & Stichweh 2013a, S. 55 f.). Dafür ist es jedoch erforderlich, dass sie über ein gemeinschaftlich geteiltes und regelmäßig aktualisiertes Selbstverständnis verfügt, welches sich gleichwohl in den Lehrbüchern – als Verschriftlichungen der akademischen Ausbildungsprogramme – expliziert. Somit stellen berufs- und wirtschaftspädagogische Lehrbücher ein wichtiges Moment der Selbstreflexion der wissenschaftlichen Disziplin Berufs- und Wirtschaftspädagogik dar. Dennoch ist das in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik existierende Wissen über die eigenen Lehrbücher (noch) sehr begrenzt.

An diesem Forschungsdesiderat setzt der vorliegende Beitrag an. Sein Ziel ist es, durch die systematische bibliometrische Erfassung und die – im ersten Schritt – quantitative Analyse der Lehrbücher, insb. bezüglich Autorenschaften, Erscheinungsjahren, Auflagenzahlen und Zugehörigkeiten zu Subdisziplinen, eine wichtige Grundlage für die weitere Untersuchung des Selbstverständnisses der Disziplin zu leisten.

NETZWERK-BWP. Zur Entwicklung der Berufs- und Wirtschaftspädagogik als wissenschaftliche Disziplin

Götzl, M., Geiser, P. & Müller, N. (2020). NETZWERK-BWP. Zur Entwicklung der Berufs- und Wirtschaftspädagogik als wissenschaftliche Disziplin. In F. Kaiser & M. Götzl (Hrsg.), Historische Berufsbildungsforschung. Perspektiven auf Wissenschaftsgenese und -dynamik (S. 73–92). Detmold: Eusl.

 

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Abstract

Am Beginn der disziplingeschichtlichen Auseinandersetzung mit der Berufs- und Wirtschaftspädagogik (BWP) steht die Frage, wie die BWP zu dem geworden ist, was sie heute
ist. Diese umfassende Fragestellung nach der Entwicklung der Sozial-, Ideen- und Lehrgestalt der BWP kann zweifellos nicht in einem einzelnen Beitrag allumfassend beantwortet
werden. Im vorliegenden Beitrag wird daher einerseits das Projekt NETZWERK-BWP vorgestellt, in dem die Entwicklung der BWP als wissenschaftliche Kommunikationsgemeinschaft von Spezialist*innen mit unterschiedlichen wissenschaftssoziologischen Ansätzen und Methoden untersucht wird und das seit kurzem Teil eines wissenschaftlichen Netzwerkes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Titel „Erziehungswissenschaft | en? Empirie(n), Epistemologie(n) und Geschichte(n) erziehungswissenschaftIicher Theorieentwicklung und Forschung“ ist. Anderseits werden mit der sich im Zeitverlauf wandelnden Sozialgestalt der BWP, mit ihren Professor*innen und ihren wissenschaftlichen Schulen, Netzwerken und Clustern, die wissenschaftssoziologischen Grundlagen des Projekts und der gleichnamigen Forschungsgruppe und ein konkretes methodisches Setting fokussiert. Diesbezüglich wurde auf der Basis einer breit gefächerten Dokumentenanalyse ein kollektivbiographischer Datenkorpus (N=212) der Professor*innen der BWP erstellt, der erste Netzwerk- und Clusteranalysen anhand von Qualifikations- und Arbeitsbeziehungen und somit eine Beschreibung der Entwicklung der Sozialgestalt der BWP ermöglicht. Im Beitrag werden zudem die technische Seite der Datenerfassung und Datenhaltung mittels Datenbanken sowie die Anbindung weiterer Teilprojekte vorgestellt und diskutiert, die perspektivisch einen empirisch fundierten Blick auf die Entwicklung der Sozial-, Ideen- und Lehrgestalt der BWP und weiterer wissenschaftlicher Disziplinen ermöglichen sollen.